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Zwangsstörung

Eine Zwangsstörung liegt vor, wenn sich wiederholt Gedanken und Handlungen aufdrängen, die von den Betroffenen zwar als unsinnig erkannt werden, gegen deren Auftreten sie sich aber nicht wehren können. Wird diesem Zwang nicht nachgegeben, empfinden die Betroffenen meist eine unerträgliche Anspannung.

Verursacht wird eine Zwangsstörung vermutlich durch das Zusammenspiel biologischer und psychologischer Faktoren: So scheint zum einen der Stoffwechsel bestimmter Botenstoffe des Gehirns gestört zu sein. Zum anderen können Zwänge als eine Form der Angstbewältigung angesehen werden, beispielsweise kann eine starke Angst, sich mit einer Infektionskrankheit anzustecken, zu einem extremen Waschverhalten führen. Bei der Behandlung von Zwangsstörungen werden Psychopharmaka und psychotherapeutische Techniken eingesetzt, wie beispielsweise die Unterbindung der Zwangshandlung und Bewältigung der daraus folgenden Angst.

 

Definition

Als Zwangsstörung werden Vorstellungen und Handlungen bezeichnet, die sich einem Menschen aufdrängen. Obwohl die Betroffenen diese Gedanken oder Handlungsimpulse als unsinnig erkennen und versuchen, Widerstand dagegen zu leisten, können sie sich nicht gegen ihr Auftreten wehren. Wird dem Zwang nicht nachgegeben, empfinden die Betroffenen meist unerträgliche Anspannung und Angst.

Auch bei gesunden Menschen treten manchmal Verhaltensweisen auf, die einer Zwangsstörung ähneln. So fragen sich viele Menschen nach dem Verlassen des Hauses, ob der Herd tatsächlich ausgeschaltet ist. Obwohl der Herd immer ausgemacht wird, lässt einem dieser Gedanke keine Ruhe, sodass vorsichtshalber doch ein Blick in der Küche geworfen wird. Ebenso gibt es viele Menschen, die ein großes Bedürfnis nach penibler Sauberkeit haben und es kaum ertragen können, wenn jemand ihre übliche Ordnung durcheinander bringt. Doch was diese Verhaltensweisen von krankhaften Zwangsstörungen unterscheidet, ist, dass bei Menschen mit einer Zwangsstörung der gesamte Alltag von Zwangshandlungen oder -gedanken beeinträchtigt wird. Die Zwangsstörung kann so weit führen, dass der größte Teil des Tags mit Zwangshandlungen ausgefüllt ist. Allerdings ist es nicht möglich, eine scharfe Grenze zwischen normalem zwangsähnlichen Verhalten und krankhaften Zwangserscheinungen zu ziehen.

 

Häufigkeit

Lange Zeit galten Zwangsstörungen als sehr selten. Inzwischen wird davon ausgegangen, dass bis zu 2,5 Prozent der Bevölkerung von einer Zwangsstörung betroffen sind. Einzelne Zwangssymptome sind bei ungefähr acht Prozent der Bevölkerung feststellbar. Eine Zwangsstörung beginnt häufig in einem Alter von 20 bis 25 Jahren; Zwangsstörungen können aber auch später beginnen oder schon bei Kindern auftreten. Männer und Frauen sind etwa gleich häufig von Zwangsstörungen betroffen.

 

Ursachen

Die Ursachen einer Zwangsstörung sind wahrscheinlich im Zusammenwirken von organischen und psychologischen Faktoren begründet. Außerdem tritt eine Zwangsstörung häufig im Zusammenhang mit depressiven Störungen, Ängsten, Alkoholmissbrauch und Essstörungen auf.

Neurobiologische Befunde

Eine Zwangsstörung steht im Zusammenhang mit einer gestörten Funktion bestimmter Hirnregionen (Basalganglien, limbisches System und Frontalhirn). Im Zusammenwirken dieser Hirnstrukturen spielt der Botenstoff Serotonin, der an der Impulskontrolle beteiligt ist, eine wichtige Rolle. Medikamente, welche die Wiederaufnahme von Serotonin hemmen, führen zu einer Besserung der Zwangsstörung. Ein ähnliches Ergebnis wird erzielt, wenn die Verbindung zwischen zwei der beteiligten Hirnregionen (Basalganglien und Frontalhirn) chirurgisch unterbrochen wird. Dies spricht dafür, dass es eine biologisch bedingte Anfälligkeit für Zwangsstörungen gibt. Dass bei einer Zwangsstörung biologische Faktoren als Ursache eine Rolle spielen, zeigt auch die familiäre Häufung: Je höher der Verwandtschaftsgrad zu einem Menschen mit Zwangsstörung ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, ebenfalls eine Zwangsstörung zu entwickeln. Allerdings können neurobiologische Theorien allein das Auftreten einer Zwangsstörung nicht erklären. So tritt beispielsweise bei 20 bis 40 Prozent der Betroffenen, die mit den oben erwähnten Medikamenten behandelt werden, keine Besserung ein. Dies spricht dafür, dass noch weitere Faktoren an der Entstehung einer Zwangsstörung beteiligt sind.

Psychoanalytische Erklärungsmodelle

In der Psychoanalytik gilt als mögliche Ursache einer Zwangsstörung die Fixierung auf die anale Phase. Mit analer Phase wird eine Entwicklungsstufe von Kindern (etwa im zweiten oder dritten Lebensjahr) bezeichnet. In dieser Zeit erlangen Kinder die willkürliche Beherrschung des Schließmuskels; die Ausscheidung erleben sie als lustvoll. In diese Phase fällt auch die Sauberkeitserziehung. Dabei lernen die Kinder, wie Befriedigung aufgeschoben und Kontrolle über triebhafte Bedürfnisse gewonnen werden kann. Erfahren Kinder auf dieser Stufe nicht genug Befriedigung, beispielsweise aufgrund einer sehr strengen Sauberkeitserziehung durch die Eltern, kann es zu einer Fixierung auf der analen Entwicklungsstufe kommen. In diesem Fall haben nach dem psychoanalytischen Erklärungsmodell Menschen mit einer Zwangsstörung, zumindest unbewusst, auch später noch mit den unbefriedigten Bedürfnissen aus der analen Phase (zum Beispiel mit dem Wunsch, mit dem eigenen Kot zu spielen) zu kämpfen. Da die Befriedigung dieser Bedürfnisse aber nicht zugelassen wird, treten Abwehrmechanismen auf, um diese Bedürfnisse zu unterdrücken. Auf diese Weise kann sich der eigentliche Wunsch (zum Beispiel nach Beschmutzung) in das genaue Gegenteil, wie beispielsweise penible Sauberkeit, umkehren.

Lerntheoretische Aspekte

Bei einer Zwangsstörung kommen auch lerntheoretische Aspekte als Ursachen infrage: Die Lerntheorie geht davon aus, dass eine Beziehung zwischen Zwängen und Angst besteht. So wird die Entstehung einer Zwangsstörung als eine Form der Angstbewältigung angesehen. Besteht etwa eine krankhafte Angst, sich zu beschmutzen oder durch das Anfassen schmutziger Gegenstände eine ansteckende Krankheit zu bekommen, bewältigen die Betroffenen diese Angst, indem sie sich die Hände waschen. Durch diese Handlung wird die Angst reduziert. Die Handlung wird wiederholt, weil dadurch vermieden werden kann, dass die Angst erneut auftritt. Auf diese Weise tritt die Zwangshandlung an die Stelle der Angst.

 

Symptome

Eine Zwangsstörung zeichnet sich durch folgende Symptome aus: Bestimmte Gedankeninhalte oder Handlungen wiederholen sich auf immer gleiche Weise, sie drängen sich auf, obwohl sie als sinnlos erlebt werden. Sie können nicht vermieden oder unterdrückt werden. Bei dem Versuch, sich den Gedanken oder Handlungen zu widersetzen, tritt bei den Betroffenen eine intensive innere Spannung und Angst auf.

Es lassen sich drei Arten von Zwangserscheinungen unterscheiden: Zwangsgedanken, Zwangsimpulse und Zwangshandlungen. Bei etwa zwei Drittel der Betroffenen treten im Rahmen der Zwangsstörung sowohl Zwangsgedanken als auch Zwangshandlungen auf.

Zwangsgedanken

Mit Zwangsgedanken wird das zwanghafte Auftreten von Gedanken oder Vorstellungen bezeichnet – häufig als Gegenimpuls zu einer Situation, beispielsweise das zwanghafte Aufdrängen gotteslästerlicher Worte in der Kirche oder der Zwang, bei besonders feierlichen Anlässen aufspringen und ordinäre Beschimpfungen von sich geben zu wollen. Auch können Zwangsbefürchtungen, beispielsweise um die Gesundheit von Angehörigen, auftreten. Zwangsgedanken werden als unsinnig empfunden, und die Betroffenen versuchen (meist vergeblich), sie zu unterdrücken. Schließlich fühlen sich die von der Zwangsstörung Betroffenen den Zwangsgedanken hilflos ausgeliefert. Typische Inhalte von Zwangsgedanken sind die Furcht, sich beim Kontakt mit Objekten oder anderen Menschen zu beschmutzen, dauernde und unlösbare Zweifel, bestimmte Dinge getan oder unterlassen zu haben (so etwa die Frage, ob sie das Autolicht angelassen haben) oder der zwanghafte Gedanke, die eigene Gesundheit könnte gefährdet sein. Bei vielen Betroffenen treten verschiedene Zwangsgedanken auf.

Zwangsimpulse

Ein Symptom der Zwangsstörung sind Zwangsimpulse – sich zwanghaft aufdrängende, unwillkürliche Handlungsimpulse. Die Betroffenen leben in der ständigen Angst, diese Handlung tatsächlich auch auszuführen, was aber meist nicht geschieht. Die Angst vor der Ausführung ist besonders groß bei aggressiven Zwangsimpulsen, wie beispielsweise dem Impuls, das eigene geliebte Kind zu verletzen oder zu töten. Zwangsimpulse können auch sexueller Natur sein, wie der Impuls zu unkontrollierten sexuellen Handlungen. Des Weiteren können sie eine gegen sich selbst gerichtete Aggression beinhalten, wie zum Beispiel der Impuls, von einer Brücke oder einem Hochhaus zu springen.

Zwangshandlungen

Zwangshandlungen sind im Rahmen einer Zwangsstörung auftretende Handlungen, die zwanghaft gegen oder ohne den Willen der Betroffenen ausgeführt werden. Sie werden meist aufgrund von Zwangsimpulsen oder -befürchtungen vorgenommen. Versuchen die von der Zwangsstörung Betroffenen, diese Handlungen zu unterlassen, tritt eine intensive innere Anspannung und Angst auf. Obwohl sie als sinnlos empfunden wird, fühlen sich die Betroffenen gezwungen, die Handlungen immer wieder und immer auf gleiche Weise zu wiederholen. Am häufigsten treten im Rahmen einer Zwangsstörung Kontrollzwänge auf. So kommen bei den Betroffenen beispielsweise nach dem Abschließen der Haustür Zweifel auf, ob die Tür auch wirklich verschlossen ist. Dies müssen sie dann bis zu 20 oder 30 Mal kontrollieren, obwohl sie wissen, dass die Tür bereits verschlossen ist. Doch nur indem die Kontrollhandlung ausgeführt wird, kann die bestehende innere Spannung abgebaut werden – was meist allerdings nur kurze Zeit anhält. Verschiedene Zwangshandlungen können sich zu einem Zwangsritual zusammenfügen, das in bestimmter Form und Häufigkeit durchgeführt werden muss. Weitere typische Beispiele für Zwangshandlungen sind der Waschzwang, das zwanghafte Nachfragen und der Zählzwang. Bei knapp 50 Prozent der Zwangsstörungen treten verschiedene Handlungen parallel auf.

 

Diagnose

Die Diagnose einer Zwangsstörung wird gestellt, wenn mindestens zwei Wochen lang an den meisten Tagen Zwangshandlungen und/oder Zwangsgedanken aufgetreten sind, die von den Betroffenen als quälend erlebt wurden oder ihre normalen Aktivitäten gestört haben.

Um zu überprüfen, ob eine Zwangsstörung vorliegt, werden die Betroffenen auf verschiedenen Ebenen untersucht: In klinischen Interviews können die Symptome und begleitenden Gedanken abgefragt werden. Wenn die Möglichkeit besteht, das symptomatische Verhalten zu beobachten beziehungsweise die Betroffenen zur Selbstbeobachtung anzuhalten, können so wichtige Informationen über die Problematik der Betroffenen gewonnen werden. Darüber hinaus sind verschiedene Fragebögen entwickelt worden, um den Verlauf von Zwängen zu erfassen und sie zu beurteilen.

 

Therapie

Zur Therapie einer Zwangsstörung werden medikamentöse und psychotherapeutische Behandlungsmethoden kombiniert. Auf diese Weise kann meist der Leidensdruck deutlich vermindert und die Kontrolle und Bewältigung der Beschwerden verbessert werden.

Pharmakologische Behandlung

Bei Zwangsstörungen soll die medikamentöse Behandlung die gestörten Hirnfunktionen positiv beeinflussen. Dazu werden Präparate eingesetzt, welche die Wiederaufnahme von Serotonin hemmen, aber auch Medikamente, die üblicherweise zur Behandlung von Depressionen verabreicht werden und sich ebenfalls auf den Serotoninhaushalt auswirken. Erst nach einem Zeitraum von etwa zehn Wochen kann beurteilt werden, ob die Behandlung der Zwangsstörung anschlägt. Die Therapie wird dann als erfolgreich angesehen, wenn die Betroffenen sich subjektiv fähig fühlen, die Symptome ihrer Zwangsstörung zu kontrollieren.

Psychotherapeutische Verfahren

In der Verhaltenstherapie von Zwangsstörungen werden zunächst die Zwangsgedanken und -handlungen und die Situationen, in denen sie auftreten, analysiert. Die von der Zwangsstörung Betroffenen werden dann angeleitet, sich den angstauslösenden Situationen bewusst auszusetzen, dabei aber Zwangshandlungen zu unterdrücken. So sollen die Betroffenen die Erfahrung machen, dass die befürchteten Folgen ausbleiben – dass beispielsweise das Anfassen schmutziger Gegenstände nicht zu einer Erkrankung führt und somit auch die den Zwangshandlungen zugrunde liegende Angst verschwindet. Bei dieser Konfrontationsmethode wird stufenweise vorgegangen: Es wird mit der am wenigsten belastenden Situation begonnen und dann langsam bis zur problematischsten Situation fortgefahren. Häufig werden auch Entspannungsverfahren, wie Autogenes Training, mit dieser Methode zur Behandlung der Zwangsstörung kombiniert. Auf der kognitiven (Denkvorgänge und Beurteilungen betreffenden) Ebene sollen die Betroffenen lernen, ihre Zwangssymptome als solche zu identifizieren. Dies soll es ihnen ermöglichen, sich von ihren Befürchtungen zu distanzieren und Widerstand gegen den Zwang zu leisten. Dabei kann eine Technik hilfreich sein, die als Gedanken-Stopp bezeichnet wird: Hier sollen die Betroffenen sich in dem Moment, in dem ihre Befürchtungen auftreten, das Wort Stopp denken oder aussprechen, um so den störenden Gedanken zu unterdrücken. Um der Isolation und dem sozialen Rückzug entgegenzuwirken, die für eine Zwangsstörung typisch sind, sollte bei der Therapie das Umfeld, beispielsweise die Familie, mit einbezogen werden.

 

Verlauf

Eine Zwangsstörung zeigt meist einen chronischen Verlauf, wobei die Intensität der Beschwerden schwanken kann. Zwangsstörungen neigen dazu, sich auszubreiten. Dann beeinträchtigen sie immer größere Teile des Alltags – allein schon deshalb, weil Zwangshandlungen und -rituale so viel Zeit in Anspruch nehmen können, dass andere Aktivitäten (zum Beispiel der Beruf) zu kurz kommen. Sozialer Rückzug und Isolation sind häufige Folgen einer Zwangsstörung, es können aber auch körperliche Schädigungen auftreten. So werden etwa beim Waschzwang die Hände aus Angst vor Verschmutzung manchmal so oft gewaschen, dass sich Ekzeme bilden. Die Zwangssymptomatik kann so ausgeprägt sein, dass den Betroffenen der Selbstmord als der einzige Ausweg erscheint.

Durch die Kombination von medikamentösen und psychotherapeutischen Behandlungsmethoden konnte in den letzten Jahren die Prognose für Zwangsstörungen erheblich verbessert werden. Wenn eine Zwangsstörung auch selten vollständig heilbar ist, so kann doch meist der Leidensdruck deutlich vermindert und die Kontrolle und Bewältigung der Beschwerden verbessert werden. Je früher die Zwangsstörung erkannt und behandelt wird, desto günstiger ist die Prognose.

 

Vorbeugen

Es gibt keine Maßnahmen zum Vorbeugen einer Zwangsstörung. Mithilfe der psychotherapeutischen Therapie sowie durch eingehende Informationen sowohl von Betroffenen als auch von Angehörigen ist es häufig jedoch möglich, einem erneuten Auftreten der Zwangsstörung vorzubeugen.

 

Quelle: Onmeda


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